Braucht man einen Lehrer, eine
Lehrerin?
Wir leben in einer besonderen Zeit in der Geschichte, denn nie zuvor
gab es diesen schnellen und leichten Zugang zu Büchern, Artikeln
und Erfahrungen anderer Menschen. Heute steht uns eine Flut von
Informationen zur Verfügung, die uns früher in dieser Fülle nicht
zugänglich war. Manchmal wissen wir allerdings nicht, wie wir all
diese Informationen umsetzen oder anwenden können. In dem Fall
fehlt uns ein Lehrer, der uns so durch diese Informationsflut lotst,
dass wir sie für unser eigenes Wachstum nutzen können. Genau hier
beginnt das wirkliche Lernen und hier warten auch die
Herausforderungen auf uns.
Spirituelle Lehrer können
 | eine sichere Lernumgebung für Schüler/Schülerinnen schaffen,
in der sie neue Erfahrungen machen können. Diese Erfahrungen können wir
uns nicht aneignen, indem wir über sie lesen - gute Lehrer werden uns
nicht nur neue Wege und Möglichkeiten eröffnen, sie helfen uns
auch, die dabei
gemachten Erfahrungen in unserem Leben umzusetzen. Meine Lehrer nannten
dieses Erarbeiten der Erfahrungen die "Medizin". |
 | ihren Schülern/Schülerinnen helfen, sich in der Informationsflut zu
orientieren und herauszufinden, in welcher Richtung es für sie
weitergeht. |
 | ihren Schüler und Schülerinnen auf ihrem eigenen Weg Hilfe
und Führung anbieten - was für eine Person richtig sein mag, kann für die
andere überhaupt nicht hilfreich sein oder, im schlimmsten Fall, noch mehr
Probleme schaffen. |
 | können als Spiegel für ihre Schüler und Schülerinnen
fungieren. Dies ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Aspekte im Vermitteln
der Lehre. Wenn wir unsere Gewohnheiten erkennen können, ist das für uns der
erste Schritt, um aus ihnen herauswachsen und uns von ihnen befreien zu können.
In Medizinzirkeln verläuft dieser Prozess noch intensiver. Medizinzirkel sind
keine geselligen Gruppen, sie sind sogar noch stärkere Spiegel, in denen man
sich selbst sehen - sowohl das, was man an sich mag, als auch das, was man an sich
ablehnt - und dann damit arbeiten kann. |
 | können ihren Schülern und Schülerinnen helfen, durch Erfahrungen und
deren Umsetzung eine spirituelle Basis zu schaffen - bei dieser
Basis geht es nicht nur darum, was sie im Moment in sich trägt, sondern auch
darum, was sich in Zukunft aus ihr entwickeln kann. |
ihren Schülern und Schülerinnen helfen, auf der Erde zu verwirklichen,
was sie von ihren Geisthelfern gelernt haben. Weltliche Lehrer in Menschengestalt helfen uns dabei, uns
irdische Belange anzuschauen
und diese durchzuarbeiten. Ohne diese Arbeit bleiben all unsere guten Ideen
und Träume in unseren Köpfen stecken und werden nie in unserem täglichen Leben
umgesetzt.
Eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung
Wie alle anderen Beziehungen braucht auch die Lehrer-Schüler-Beziehung Zeit, um
sich zu entwickeln. Auch hier gilt: was wir in sie investieren,
bekommen wir zurück. Dabei gibt es einige Faktoren, die zum Gelingen dieser
Beziehung beitragen können.
Vertrauen: Beide Seiten, sowohl Lehrer als auch Schüler, brauchen
Zeit, um Vertrauen ineinander zu gewinnen. Sucht man einem Lehrer nur auf, um
etwas von ihm zu bekommen, dann geht man unter Umständen mit einer Menge
Aufzeichnungen weg - hat aber nicht viel mehr erhalten als beim Lesen eines Buchs.
Kein Lehrer und keine Lehrerin schätzt es, wenn sein/ihr Lebenswerk einfach nur
konsumiert wird. Doch manchmal hungern wir so sehr nach Informationen
und
Aufmerksamkeit, dass wir völlig vergessen, auch etwas zurückzugeben für das, was
wir bekommen. So entsteht schließlich ein Ungleichgewicht, das der Beziehung
schadet oder sogar deren Ende herbeiführt.
Geduld: Hier kann unser Verstand uns auf unserem spirituellen Weg in
Schwierigkeiten bringen. Unser Verstand bewegt sich weit schneller
als unser Körper und unser Herz. Er kann bereits denken, wir wären schon
wieder bereit für etwas Neues, bevor wir überhaupt mit dem gearbeitet haben, was
wir gerade gelernt haben. Doch um etwas Neues aus der Lehre aufnehmen zu
können, muss in unserem Innern Platz dafür sein und ein echtes Bedürfnis danach
existieren. Viele werden ungeduldig und brechen ihren Prozess ab, wenn sie trotz
des Drängens ihres Verstandes nicht sofort neue Antworten bekommen oder
- noch schlimmer - sie versuchen, jemanden zu finden, der ihnen die
gesuchte Information gibt, obwohl sie noch gar nicht bereit dafür sind.
Offene, ehrliche und direkte Kommunikation: Auch wenn wir alle in
den Augen anderer gut aussehen wollen- so ist das wenig förderlich in der
Beziehung Schüler/in-Lehrer/in. Wenn wir so ehrlich wie möglich mit unseren
Lehrern sind,
kann uns das viel weiterbringen als alles andere.
Verantwortung: Wir müssen die Verantwortung übernehmen für das,
was wir lernen, denn sonst kommen wir nicht weiter. Die Lehren und Erkenntnisse, die
wir gewinnen, tragen Leben in sich und es erfordert viel Verantwortungsbewusstsein,
damit umzugehen. Sobald wir etwas wissen, sind wir für dieses
Wissen auch verantwortlich. |
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Stolpersteine auf dem Weg zum Wachstum
Verhaftet sein in Kämpfen, Dramen und Anziehung von negativer
Aufmerksamkeit: Solange wir diese Abhängigkeiten nicht gelöst haben, werden wir
nicht spirituell arbeiten können. Wir sollten diese Art von Problemen mit
einem guten Therapeuten durcharbeiten, bevor wir uns dem spirituellen Weg
zuwenden.
Ängste und Projektionen: Wenn wir jemanden treffen, der uns
wirklich Hilfe bringen kann, dann kommen unsere tiefsten Ängste und ältesten
Gewohnheiten an die Oberfläche. Das ist ein wichtiger Vorgang, denn jetzt können
wir sie erkennen und mit ihnen arbeiten. Da unser Lehrer für uns als
Spiegel wirken kann, müssen wir uns unserer Projektionen bewusst werden. Ich
schlage eine kleine Übung vor für den Moment, an dem die Ängste an die
Oberfläche steigen und wir denken, wir "können klar all die Probleme der anderen
sehen". Macht eine Liste mit all dem, das euch als ein Problem bei eurem Lehrer
oder bei anderen um euch herum erscheint. Ist die Liste fertig, dann lest sie
bitte noch
einmal, doch diesmal so, als hättet ihr eure eigenen Probleme
aufgeschrieben. Ihr könnt euch dann fragen, was ihr in dieser Situation lernen
könnt und was euer Anteil an der Situation ist.
Schüler/Schülerin für immer und ewig: Natürlich lernen wir
ständig dazu, doch wenn wir unser Leben lang immer nur Schüler/Schülerinnen bleiben
wollen, kann das bedeuten, dass wir keine Verantwortung übernehmen und uns nicht
weiterentwickeln wollen. Es hält uns auch in einem fortwährenden
Zustand der Abhängigkeit.
Das Gelernte nicht umsetzen: Die Integration unserer Erkenntnisse
zeigt uns, wo wir auf unserem Weg wirklich stehen. Wie wir leben, wie wir mit
anderen und unserer Umwelt umgehen wird uns zeigen, wie viel wir "zu wissen
glauben" und wie viel wir davon wirklich leben.
Wunsch nach einem Lehrer, der einfach sagt, was wie läuft: Wir
sollten uns klar darüber sein, dass spirituelle Lehrer uns nicht vorschreiben, wie
wir spirituell sein sollen. Eine solche Vorstellung ist eine Falle
unseres Verstandes. Lehrer stellen uns vor Herausforderungen und schaffen
für uns Wachstumsmöglichkeiten durch Erfahrungen. Diese Erfahrungen müssen
wir aber selbst durchleben.
Das Ende der Schülerschaft würdigen und feiern
Alle Zyklen gehen irgendwann einmal zu Ende. Es gibt keine Ausnahme
von diesem einfachen Naturgesetz. Manchmal muss etwas beendet werden, damit wir
anfangen können, auf einer neuen Ebene zu arbeiten - manchmal ist das Ende
auch der Schlusspunkt überhaupt. Es betrübt mich immer wieder, wenn wir uns
in unserer konsumorientierten Gesellschaft nicht die Zeit nehmen, um das Ende
unserer
Beziehungen zu würdigen und zu feiern. Wir denken meistens, wir
müssten uns dramatisch oder zumindest ganz plötzlich voneinander trennen. Das
drückt einerseits wenig Respekt für die gemeinsam geleistete Arbeit und
die zusammen verbrachte Zeit aus und verhindert andererseits, dass wir unsere
Beziehung auch wirklich beenden. Eine Beziehung wie die Lehrer-Schüler-Beziehung,
in der spirituell gearbeitet wurde, erfordert mehr, damit sie wirklich
beendet werden kann. Ich empfehle ein Abschlussritual, an dem sowohl die Schüler
als auch die Lehrer teilnehmen, so dass die gemeinsam geleistete Arbeit gefeiert
und beide wirklich aus ihren Funktionen entlassen werden können. Wir sollten
am Schluss loslassen, die geleistete Arbeit würdigen und dann den neuen Platz
feiern, an dem wir jetzt in unserem Leben stehen. |