| Schon als ich jung war, habe ich an Ritualen
meiner Gemeinschaft teilgenommen, und durch die Augen eines Kindes
gesehen kam mir damals alles magisch und geheimnisvoll vor. Wir haben
uns an einem Platz versammelt, der außerhalb des normalen
Alltagsgeschehens lag, und haben in einer speziellen Sprache gesprochen,
mit der wir eine Welt würdigten, die viel größer ist als die uns
sonst vertraute. Als ich älter wurde, begann ich langsam, die spezielle
„Symbolik" der Sprache der Rituale und Zeremonien zu verstehen,
und erkannte, wie wichtig nicht nur die Sprache war, sondern auch das
Wissen darum, wo wir als Menschen in dieser offenbar so viel größeren
Welt unseren Platz haben.
Unter den Ureinwohnern Nordamerikas ist es so ziemlich das Schlimmste,
was man zu einer anderen Person sagen kann, wenn man findet, er oder sie
„verhalte sich, als hätte er/sie keine Verwandten". Gehen wir
mit der Einstellung durch das Leben, als hätten wir „keine Verwandten",
nehmen wir also nicht wahr, daß wir in Beziehung stehen zu dem, was uns
umgibt, dann schließen wir uns selbst in einer sehr kleinen Welt ein.
Dann kann es uns so vorkommen, als hätte unser Tun keine Auswirkungen
auf irgend jemanden oder irgend etwas um uns herum. Wir können dann
leicht den Schaden, den wir der Erde, den Pflanzen, den Tieren und
anderen Menschen zufügen, übersehen, weil wir uns selbst nicht als
Teil von etwas Größerem wahrnehmen. Mit dem Verlust der Bedeutung der
Rituale und Zeremonien in der westlichen Kultur entsteht wahrscheinlich
ein Schaden, der größer ist, als wir es im Augenblick erkennen können.
Ich konnte im Laufe der Jahre beobachten, welch negativen Effekt das
Fehlen von Zeremonien und Ritualen auf unsere physische, mentale und
spirituelle Gesundheit hat.
Als ich anfing zu unterrichten, führte ich meine Schüler durch
viele Zeremonien und Rituale. Für viele von ihnen war das wirklich eine
Herausforderung, ganz besonders dann, wenn sie einige Jahre in
Universitäts- oder anderen Schulsystemen studiert hatten, in denen die
Welt hauptsächlich durch Lesen und Denken erfahren wurde. Obwohl die
Zeremonien ihre Perspektive erweiterten und die Begrenzungen des
Verstandes herausforderten, stellten sie mir immer zwei Fragen: „Warum
arbeiten wir in Zeremonien oder Ritualen?" und „Können wir nicht
einfach dadurch lernen, daß wir über die Information sprechen?"
Die Antworten darauf sind natürlich je nach Anlaß verschieden. Wir
lernen zwar durch unseren Verstand, indem wir eine bestimmte Menge an
Informationen aufnehmen und diese verarbeiten. Aber es gibt einen Punkt,
ab dem unser Verstand nicht länger das beste Hilfsmittel ist. Kurz
gesagt – es gibt Ebenen, zu denen unser Verstand nicht vordringen kann;
es gibt Dinge, die wir nicht in Worten ausdrücken und die wir uns nicht
einmal vorstellen können. Aber zum Glück können wir sie erleben. Hier
kann uns nun die spezielle symbolische Sprache der Rituale den Zugang zu
einer viel größeren Welt ermöglichen und uns helfen, Heilung auf eine
Art und Weise zu finden, die weit über unser heutiges
Vorstellungsvermögen hinausgeht. Außerdem üben Rituale eine
beruhigende Wirkung auf uns aus und können uns helfen, durch Dinge
hindurchzugehen, die wir nicht auf der Verstandesebene bearbeiten
können.
Bevor wir weitergehen, sollte uns der Unterschied zwischen Ritualen
und Zeremonien klar sein. Vereinfacht dargestellt, kann eine Zeremonie
für einen ganz speziellen einmaligen Zweck kreiert werden. Sie muß
bestimmte Elemente beinhalten, auf die wir gleich noch näher eingehen
werden. Rituale mögen sehr ähnlich wie Zeremonien aussehen, aber ihr
Ablauf wird immer wieder und wieder über Hunderte oder sogar Tausende
von Jahren unverändert wiederholt. Das Ritual sieht oberflächlich
betrachtet immer gleich aus, aber der Inhalt verändert sich jedes Mal,
wenn es durchgeführt wird. Grundsätzlich gibt es drei Arten von
Ritualen und Zeremonien: die für Einzelpersonen, die für die Familie
und den „Clan" und die für die Gemeinschaften. Sie haben alle
einige Elemente gemeinsam.
Als erstes führen sie uns aus unserem täglichen Leben heraus, indem
wir einen „heiligen Platz" schaffen, der abseits unseres
Alltagsgeschehens liegt. Zeremonien und Rituale erlauben uns, durch eine
mythische Handlung zu gehen und so symbolisch unsere Probleme und
Schmerzen oder auch unsere Freude und Dankbarkeit darzustellen. Wenn wir
als erstes die symbolische Dimension unserer Situation erkennen, können
wir diese dann durch unsere Ideen, Gedanken und unsere Absicht in eine
Handlung umsetzen und somit in Bewegung bringen. So kann die rituelle
Handlung letztendlich eine symbolische Auflösung unserer Probleme und
Lebenssituationen darstellen. |
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Das
Erlernen der Sprache von Ritual und Heilung verlangt eine neue Sicht von
uns selbst und von der Welt, in der wir leben. Wir müssen hier wieder
in Symbolen denken und uns überlegen, was wir mit unseren Handlungen im
Alltag aussagen. Unser Körper spricht in Symbolen zu uns; ein gutes
Beispiel dafür ist der Schmerz. Schmerz hat meist eine Bedeutung, denn
oft ist er der einzige Weg für einen Teil unseres Körpers, mit uns
Kontakt aufzunehmen. Wenn wir lernen, symbolisch zu denken, können wir
darüber mit diesem Teil von uns Verbindung aufnehmen. Wir können dann
eine einfache Zeremonie oder Handlung aufbauen, die den Anstoß zu
unserer Heilung gibt. Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß Heilung
sich nicht nur auf den physischen Körper bezieht. Zeremonien sprechen
zu unserem Geist und der Seele; sie geben uns die Möglichkeit, uns auf
eine Art und Weise auszudrücken, zu der wir sonst nicht fähig sind.
Sie helfen uns dabei, uns wieder mit der Natur und dem Kosmos zu
verbinden und unseren Platz in der Welt wiederzufinden.
Ich möchte an dieser Stelle drei einfache Rituale
vorstellen, die helfen können, symbolisch zu denken und zu arbeiten.
1. Die Sonne begrüßen und Dankbarkeit
ausdrücken.
Dieses Morgenritual kommt von den Navajos, und ich
habe für die Menschen im Westen noch einen Teil am Ende des Rituals
hinzugefügt. Wenn du morgens aufwachst, wende dich nach Osten (es ist
schön, wenn du das draußen tun kannst, aber es ist keine Bedingung)
und streue eine Prise Maismehl oder Maispollen in Richtung Sonne.
Jetzt kannst du deine Gebete für den Tag sprechen und um die Hilfe
bitten, die du vielleicht brauchst - besonders dann, wenn du einen Tag
mit vielen Herausforderungen vor dir hast. Vielleicht möchtest du
auch einige Momente lang Gebete der Dankbarkeit sprechen für alles,
was du hast und für alles, was in deinem Leben gut läuft. Dieses
Ritual erinnert uns nicht nur daran, daß wir Teil einer größeren
Welt sind. Es hilft uns auch dabei, uns am Anfang des Tages an all das
zu erinnern, was wir bereits haben. So beginnen wir den Tag nicht mit
einer Aufzählung all dessen, was uns noch fehlt und was wir noch
erreichen wollen.
2. Einen Sacred Space – einen heiligen
Platz – zu
Hause schaffen:
Der beste Weg, um die Bedeutung des Sacred Space zu
verstehen, ist, sich einen zu schaffen und mit ihm zu arbeiten. Wenn
du kannst, dann richte dir einen Platz abseits des tagtäglichen
Geschehens ein. Einen Bereich, in dem du meditieren, dein Tagebuch
schreiben, träumen und mit deinen Werkzeugen arbeiten kannst. Das
muß kein sehr großer Bereich, kein ganzes Zimmer sein. Du kannst
auch einfach in dem Zimmer, in dem du schläfst, eine Decke oder einen
kleinen Teppich auf den Boden legen und diesen somit zu dem Bereich
machen, in dem du arbeitest. Für Menschen, die nur sehr wenig Platz
haben, gibt es auch die Möglichkeit, eine „Mesa" als Sacred
Space einzurichten. Dies ist ein spezieller Platz, an dem du all deine
Werkzeuge, Traum-Tagebücher und andere Dinge, die für dich und deine
eigene Heilung spezielle Bedeutung und Symbolik haben, aufbewahren
kannst.
3. Ein Tabakbündel zusammenstellen und es dem Feuer
übergeben:
Es kann sehr hilfreich für uns sein, symbolisch den
Abschluß einer Situation darzustellen und Übergangsphasen in unserem
Leben zu würdigen. Du kannst dies ganz einfach tun, indem du eine Prise
Tabak in ein kleines Stück roten Stoff einwickelst und daraus ein
kleines Bündel machst. In dieses Bündel kannst du nun deine Gebete
hineingeben, die Dinge, die du jetzt gehen lassen möchtest oder auch
die Dinge, deren Abschluß du nun anerkennen und ehren willst und die du
aus deinem Leben verabschieden möchtest. Du kannst das Bündel dann den
Elementen übergeben. Wir übergeben es gerne dem Feuer mit der Bitte,
daß der aufsteigende Rauch die Gebete zu Great Spirit tragen möge. |