"Ze" Heilung in den unsichtbaren Welten

ein Film von Sebastian Elsaesser und Kamal Musale

Es ist nun über zwei Wochen her, seit ich den Film gesehen habe und ich weiß immer noch nicht so recht, was ich davon halten soll. Die Vorführung fand in Anwesenheit des Autors Jürgen Elsässer statt, der einleitende Worte sprach und auch hinterher gab es noch Zeit für Fragen und andere Reaktionen. Leider hat das bei mir dazu geführt, daß ich mir teilweise nicht ganz sicher bin, was in dem Film vorkam und was Aussagen davor und danach waren. Aber vielleicht ist das ja auch egal. 

Ich bin mit einer neugierigen Skepsis ins Kino gegangen. Allerdings nicht wegen der unsichtbaren Welten oder der Begegnung mit Geistwesen. Sondern wegen der, in der Filmbeschreibung angekündigten, blutigen Bilder und der Identität zweier dieser Geistwesen. Sie sollen zu Lebzeiten deutsche Nazi-Ärzte gewesen sein. Und als Eine, die sich viel mit dem Nationalsozialismus und seiner Kontinuität beschäftigt und dazu arbeitet, hat dies bei mir bereits im Vorfeld viele Fragezeichen hervor gerufen und eben auch Skepsis. Ich weiß, daß viele Nazi-Täter nach dem Faschismus in lateinamerikanische Länder geflüchtet und dort untergetaucht sind. Aber das auch Geister von toten Nazis dort hin gegangen sind, war mir neu.

Als ich aus dem Kino kam waren die beiden bestimmenden Gefühle in mir, eine dumpfe Leere und – auf einer anderen Ebene – Verärgerung. Die dumpfe Leere kam daher, daß ich irgendwann während des Films quasi abgeschaltet habe, ausgestiegen bin. Etwa 1/3 oder vielleicht auch die Hälfte des Films habe ich nicht gesehen, weil ich mir die Augen zugehalten oder sonstwie weg geguckt habe. Die blutigen und schockierenden Bilder der Behandlungen waren mir schlichtweg zuviel, zu aggressiv und auch zu unvermittelt. Anfangs habe ich noch versucht, zwischen Distanz und offener Neugier hin und her zu pendeln, aber es ist mir nicht gelungen das durchzuhalten. Ich hätte mir gewünscht, daß es während des Films Signale oder Hinweise gegeben hätte, in der Art: so jetzt kommt gleich was, was du möglicherweise nicht sehen möchtest, vielleicht willst du dir die Augen zuhalten oder dich sonstwie innerlich wappnen...‘, es gab auch keine Signale, daß die schockierenden Bilder nun erstmal wieder vorbei sind. Möglicherweise habe ich so vielleicht auch Passagen des Films verpaßt, die ich gerne gesehen hätte.

Ich gehe davon aus, daß den Filmautoren bewußt ist, daß die Bilder bei vielen ZuschauerInnen Ekel, Schock, Abwehr und Distanz hervor rufen. Und mir ist nicht deutlich geworden, warum sie sich entschieden haben, auf diese Art und Weise damit umzugehen.

Aber was ist denn nun eigentlich der Inhalt des Films?

Ein Teil des Filmtitels lautet ‚Heilung in den unsichtbaren Welten‘, und meiner – durch eingeschränkte Wahrnehmung gefärbten – Meinung nach, handelt der Film von etwas anderem. Hauptsächlich handelt er von ‚Heilbehandlungen durch unsichtbare Wesen‘.  ‚Heilung‘ ist ja immer ein längerer Prozeß und um den geht es – auch nach Aussage des anwesenden Autors – in dem Film nicht. Was in dem Film gezeigt wird sind viele Behandlungen, durch die der Impuls zur Heilung gegeben wird – oder auch nicht. Das erfahren wir nicht.

Ausgangspunkt des Films ist die persönliche Krankheits-/Heilungssgeschichte des Autors, die zwar im Laufe des Films immer mal benannt wird, um die es aber nicht wirklich geht. Wir begegnen drei HeilerInnen in Brasilien, die dort in städtischer Gegend leben und heilen. Alle drei HeilerInnen sind während der Behandlungen Medium für unterschiedliche Geistwesen, die die eigentliche Behandlung durchführen. Die Behandlungsräume sind stets voller PatientInnen, voller Gebete und voller AssistentInnen. Und die Behandlungen gehen so ziemlich zack-zack, eine nach der anderen. Die Kamera zeigt ganz unvermittelt, wie hier ein Kuli in ein Nasenloch gebohrt und dort eine Schere in die Bauchdecke gerammt wird. Ein Großteil des Films wird von diesen und ähnlichen, teils auch sehr blutigen Bildern bestimmt.  Die HeilerInnen berichten von ihrem Leben, ihrer Arbeit und von ihrem Medium-Sein.

Zwei der Geistwesen sind die bereits erwähnten ehemaligen deutschen Ärzte. Beide arbeiten jeweils mit mehreren HeilerInnen, auch mit den im Film gezeigten. Allerdings stellte sich heraus, daß nur einer der beiden ein ehemaliger Nazi-Arzt ist. Der Andere nennt sich ‚Doktor Fritz‘ und war vermutlich ein jüdischer Arzt in Deutschland. Leider spricht er nicht viel von sich und so konnten wir nichts Näheres über ihn erfahren.

Der zweite, ‚Doktor Arkinson‘, arbeitete als Nazi-Arzt in den Konzentrationslagern und hat dort wohl auch medizinische Versuche an KZ-Häftlingen durchgeführt.  Die interessanteste – und leider viel zu kurze - Stelle in dem Film finde ich die Befragung des Dr. Arkinson durch den Filmautor. Ich war verblüfft.  Wie auch so viele der noch lebenden TäterInnen reagierte er auf die Nachfragen zu seiner Tätigkeit als Nazi-Arzt mit Ablehnung. Er wollte zunächst nicht darüber sprechen, hat sich dann aber in einer eher barschen Art doch darauf eingelassen. Er ließ uns wissen, daß seine aggressiven und rüden Behandlungsmethoden daher kommen, daß er noch immer dieser Art von Medizin verhaftet ist, die er in den Konzentrationslagern ausgeübt hat. Auch Geistwesen müßten eine Entwicklung durchlaufen, um irgendwann erlöst zu sein. Auf die Frage, warum er denn gerade in Brasilien tätig wird und nicht beispielsweise in Deutschland, sagt er, daß die brasilianische Gesellschaft viel herzlicher sei. „Die Deutschen haben kein Herz“, sagt er.  

Also, ich muß sagen, mit diesem Geistwesen, dem ‚Dr. Arkinson‘ hätte ich gerne diskutiert und ich hätte ihm auch gerne die Meinung gesagt.  Eine Äußerung wie „Die Deutschen haben kein Herz“ finde ich für einen ehemaligen Nazi-Arzt unzulässig. Er soll von sich reden – und nicht von irgendwelchen Deutschen. Auch wenn ich der Aussage in Bezug auf die deutsche Kultur und Gesellschaft als Ganzes durchaus zustimme. Und was Dr. Arkinson angeht, muß ich sagen, daß in den Konzentrationslagern auch viele Deutsche saßen, weil sie ein Herz hatten, weil sie andere Verfolgte unterstützt haben, weil sie gegen den Nazi-Faschismus gekämpft haben. Es muß wohl Doktor Arkinson sein, der damals kein Herz hatte. Und er ist mitverantwortlich für die Verfolgung und Vernichtung der Menschen mit Herz. Mit dieser Begründung dann nach Brasilien zu gehen – damit macht er sich ziemlich einfach. Das würde ich ihm gerne sagen. Was immer auch ‚Erlösung‘ sein mag – ich bin mir ziemlich sicher, daß Verantwortung übernehmen dazu gehört.

Ich finde es wirklich sehr, sehr schade, daß dieses Interview nur so kurz ist. Ich hätte gerne mehr darüber erfahren, wie das Geistwesen seine Geschichte und seine Gegenwart sieht, und vielleicht auch seine Zukunft. Und ich hätte wirklich gern mit ihm diskutiert.

So richtig geärgert habe ich mich nach dem Film, da gab es ja noch Zeit für Fragen und Reaktionen. Ich weiß die dazugehörige Frage nicht mehr, aber Sebastian Elsässer erläuterte, daß es in der brasilianischen Kultur so gesehen wird, daß es zwei Arten von Geistwesen gibt. Die eine Art, daß sind die leidenden Geistwesen und die anderen, daß sind die Lichtwesen. Leidende Geistwesen sind diejenigen Toten, die nicht wissen, daß sie tot sind und orientierungslos durch irgendwelche Dimensionen geistern.  Da war ich dann wieder einigermassen erstaunt, weil ich auch Doktor Arkinson durchaus als leidend wahrgenommen habe. Ich habe das mitgeteilt und wollte einfach noch mal nachfragen, ob diese Einteilung tatsächlich so ist oder ob ich irgendwas nicht mit bekommen habe und das meine Wahrnehmung dieser Einteilung widerspricht, zumindest auf den ersten Blick. Leider wurde ich ziemlich abgebügelt, mit der Begründung, daß es nicht an uns ist, so etwas zu bewerten.

Mir ging es allerdings um Verstehen wollen. Und darum geht es mir eigentlich immer noch.  Und wieso darf ich das eigentlich nicht bewerten?  Es ist geplant, daß es den Film etwa in einem Jahr auch als Video gibt. Ich fände es spannend, den Film im Rahmen von Unterricht bei FoxFire zu sehen, und anschließend über die entstehenden Fragen zu diskutieren. Ich finde es auch problematisch, wenn in Filmen, Büchern und sonstwo Begriffe verwendet werden, wie z.B. ‚Erlösung‘ ohne näher darauf einzugehen oder sie zu definieren. Was soll das sein? Wie kann das gehen? Weshalb ist das so erstrebenswert? Und was passiert, wenn ich ‚erlöst‘ bin? Eigentlich bin ich ganz gerne in ‚Verbindung‘...

Aber abschließend zum Film. Insgesamt vermittelt er zwar einen großen Wust an unterschiedlichsten Bildern und Eindrücken, enthält dafür aber wenig konkrete Informationen – wie ich eigentlich erwartet hatte. Als Kinofilm für ein interessiertes Publikum in einer meist ja eher anonymen Kinosituation, finde ich ihn wenig geeignet, bzw. ist mir unklar, was die Autoren damit vermitteln wollen. Heilung kann sehr eklig sein?  Auch Tote sind nicht die besseren Menschen?

Obwohl – dies können ja durchaus interessante Informationen sein.

- Reviewed by Bixi Erhardt