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by Carmen Dietrich, HP, Krankenschwester - Hospiz Forum - Münster, Germany
Ihr möchtet das Geheimnis des Todes kennen lernen.
Aber wie werdet ihr es finden,
wenn ihr es nicht im Herzen des Lebens sucht?
Wenn ihr wirklich das Mysterium des Todes schauen wollt,
öffnet eure Herzen weit dem Körper des Lebens.
Denn Leben und Tod sind eins,
so wie der Fluß und das Meer eins sind.
In der Tiefe eurer Hoffnungen und Wünsche
liegt euer stilles Wissen um das Jenseits;
und wie Samen, der unter dem Schnee träumt,
träumt euer Herz vom Frühling.
Traut den Träumen,
denn in ihnen ist das Tor zur ewigkeit verborgen.
Denn was heißt Sterben anderes,
als nackt im Wind zu stehen
und in der Sonne zu schmelzen?
Und was heißt nicht mehr Atmen anderes,
als den Atem von seinen rastlosen Gezeiten zu befreien,
damit er emporsteigt
und sich entfaltet
und ungehindert Gott suchen kann?
Nur wenn ihr vom Fluß der stille trinkt,
werdet ihr singen.
Und wenn ihr den Gipfel des Berges erreicht habt,
dann werdet ihr anfangen zu steigen.
Und wenn die Erde eure Glieder fordert,
dann werdet ihr wahrhaft tanzen.
Dieser wunderbare Text von Khalil Gibran vermittelt in seiner poetischen Sprache
eine sehr hoffnungsvolle Sicht des Todes. Für die meisten von uns ist das
Empfinden zunächst ein anderes. Wer verbindet mit Sterben und Tod nicht Gefühle
der Ohnmacht, der Angst und der Hoffnungslosigkeit? Und das ist nicht
verwunderlich – immerhin geht es darum, unser Leben zu verlieren und alles
loszulassen, was zu diesem Leben gehört und mit dem wir uns – mehr oder weniger
– identifizieren.
Angesichts dieses immensen Verlustes erscheint es schwierig, davon zu sprechen,
dass wir im ganzheitlichen Sinne einen Kreis vollenden und der Tod der Übergang
zu etwas Neuem sei. Und – wir wissen so wenig über die Realität oder
Nicht-Realität dieses Neuen.Und doch wird etwas in uns berührt.
Sicher – es berührt unser Herz, aber erklärt das dieses Sehnen? Sind unsere
Gefühle bezüglich des Todes doch tatsächlich zunächst eher von Erschrecken und
Angst bestimmt; oder neigen wir umgekehrt dazu, alle Ängste zu verdrängen und
uns der Hoffnung hinzugeben, dass alles so einfach sein möge, wie es dieser Text
beschreibt?
Diejenigen, die Sterben und Tod begegnen, wissen, dass es so einfach
nicht ist. Unser Körper ist es wohl auch nicht, der hier angesprochen wird,
handelt der Text doch von der Auflösung der materiellen Ebene unseres Seins; und
auf der Ebene des Verstandes können wir die Botschaft kaum erfassen, da sie die
Vorstellungskraft unseres momentanen Bewusstseins übersteigt.
Aber es bleibt ein Gefühl des Verstehens – vielleicht nur ein Ahnen – und
vielleicht kann man es am ehesten dem spirituellen Teil unseres Wesens zuordnen.
Über Spiritualität zu schreiben, diesen Teil unseres Wesens zu benennen und
spirituelles Tun in Worte zu fassen, ist ein nicht einfaches Projekt – im Grunde
unmöglich. Das hängt einerseits damit zusammen, dass wir etwas beschreiben, das
sich teilweise dem Medium der Sprache entzieht, zum anderen handelt es sich nach
meinem Verständnis um etwas sehr persönliches, das von jeder und jedem
unterschiedlich und sehr individuell erfahren wird.
Was wir tatsächlich beschreiben können, sind Erfahrungen, die wir machen, indem
wir uns auf den eigenen Weg begeben. So möchte ich diesen Beitrag verstanden
wissen als Teil meiner persönlichen Auseinandersetzung, die geprägt ist von
meinem eigenen Weg durch dieses Leben, von meiner Arbeit als Pflegefachkraft in
einem Hospiz, von einer Ausbildung in „spiritual care / spiritueller Begleitung“
bei Christine Longaker und einer Ausbildung in schamanischer Heilarbeit bei S.
Alexander Alich.
Welche Tradition wir auch betrachten, sie alle beschreiben einen spirituellen
Teil unseres Seins – und über diesen Wesensteil sind wir mit etwas verbunden,
das größer ist, als wir selbst; das größer ist, als das, was wir sehen und
größer, als wir es auch nur erahnen. Das zu erfassen ist nicht einfach, handelt
es sich doch um ein Mysterium, das wir niemals ganz verstehen.
Ein grundlegender Aspekt unseres Erdenlebens ist, dass wir die Verbindung zu
diesem Größeren mehr oder weniger verloren haben und damit die Vorstellung, was
unsere spirituelle Dimension bedeutet; nämlich Verbundenheit mit allem, was ist
und die einzigartige Erfahrung und Wahrnehmung der Lebensenergie und
Göttlichkeit. Stattdessen fühlen wir uns abgetrennt und entwickeln ein Gefühl
der Einsamkeit. Manchmal spüren wir schmerzhaft eine Sehnsucht, die wir nicht
einordnen können und manchmal liegt in dieser Sehnsucht ein Ahnen, wie wir es
vielleicht gerade beim Lesen des Textes von Khalil Gibran erfahren haben.
Auf der Grundlage dieser Sichtweise möchte ich zwei Aspekte benennen, von denen
ich glaube, dass sie der Hintergrund aller spirituellen Bedürfnisse sind.
- Wir alle sehnen uns nach Zugehörigkeit, Verbundenheit und Liebe
- Wir alle wünschen uns, dieses Leben und uns selbst zu verstehen
Wir entwickeln also eine große Sehnsucht nach etwas, dass uns fremd geworden ist.
Wir suchen Antworten auf unsere Fragen:
Was ist das Leben? Wer bin ich? Kann ich vertrauen, dass die
Dinge die geschehen einen Sinn haben? Ist Hoffnung möglich? u. v. a.
In allen Krisen, die wir erleben, besonders aber, wenn wir mit Sterben und Tod
in unserem eigenen Leben oder im Leben naher Menschen konfrontiert sind, tauchen
diese Fragen auf und es ist hilfreich, Menschen zu begegnen, die uns verstehen
und unterstützen.
Betrachten wir diese Bedürfnisse, ergibt sich daraus, was spirituelle Begleitung
sein kann:
-Einen anderen Menschen mit Offenheit auf seinem individuellen Weg zu begleiten
-Einen anderen Menschen zu unterstützen, die eigene Verbindung und die eigene
Quelle des
Vertrauens zu leben, zu erinnern und zu entdecken.
-Einen anderen Menschen mit Offenheit auf seinem individuellen Weg zu begleiten
Jede und Jeder geht einen ureigenen Weg durch dieses Leben und ebenso durch das
Sterben. Die Themen und Herausforderungen, die auf diesem Weg liegen, sind uns
unbekannt. Begegnen wir einem anderen Menschen mit offenem Herzen, begegnen wir
ihm mit Respekt und ohne Wertung in allen Bereichen seines Lebens.
Der/dem Anderen aus einer solchen Haltung von Offenheit zu begegnen, kann uns
nach meiner Erfahrung helfen, die eigenen Konzepte loszulassen. Das heißt, wir
lassen die Vorstellung los, wie Dinge sind oder sein könnten, womöglich sogar
sein sollten. Das ermöglicht uns einen sehr direkten und unmittelbaren Kontakt
und das individuelle Eingehen auf eine Situation und einen Menschen. Die
Geschichte von Hr. L. handelt von Hoffnung, von Konzepten und dem Loslassen von
Konzepten. Deshalb möchte ich sie hier erzählen.
Eine Frage, die mir als Hospiz-Mitarbeiterin immer wieder begegnet, ist die nach
der Hoffnung. Haben die Menschen noch Hoffnung? Oder geben sie alle Hoffnung
auf? Man braucht doch
Hoffnung! Oder aber: Wie geht man damit um, wenn jemand noch soviel Hoffnung
hat, damit verdrängt er doch die Realität?! Müssen wir die Hoffnung aufgeben, um
dann endlich die Realität anzunehmen?...
Herr L. war bereits vor einiger Zeit im lebensHAUS eingezogen. Er lebte, wie sein
ganzes Leben lang, recht selbstbestimmt und bewegte sich innerhalb und manchmal
auch außerhalb des Hauses nach seinen Wünschen. Hin und wieder begleitete ich
ihn zu einem Ausflug in die Stadt. Manchmal sprach er kurz offen über seine
Situation, weniger aber über seine Gefühle. Mit der Zeit verschlechterte sich
sein Zustand, er wurde schwächer und irgendwann musste er die Ausflüge
einstellen. Die Krankheit schritt rasch fort und sein Körper wurde schwächer.
Kurze Zeit später konnte er auch sein Bett kaum noch verlassen. Bevor ich einige
Tage frei hatte, ging ich zu ihm. Ich wusste nicht, wie viel Zeit ihm noch blieb
und ob wir uns wieder sehen würden. Ich setzte mich zu ihm und sagte, dass ich
ein paar Tage frei hätte und mich gerne verabschieden wolle. Wir schauten uns
sehr direkt an. Er nickte und schloss die Augen. Dann schaute er mich wieder an,
lachte und seine Augen strahlten. Er sagte: „Bald kommt der Frühling, gehen wir
dann zusammen im Garten spazieren?“ Ich zögerte einen Moment, was sollte ich
sagen? Ging es darum, behutsam seine Situation anzusprechen, die Wahrheit
auszusprechen? Wollte er das von mir hören? Aber seine Augen sagten mir, dass er
sehr wohl um seine Situation wusste, - und - dass es diese Hoffnung, diesen
Wunsch gab. Beides war gleichzeitig da; seine Hoffnung verdrängte nicht die
Wahrheit seiner Erkrankung und seines Sterbens. Das glaubte ich zu erkennen und
deshalb sagte ich: “ Ja, möglicherweise würden wir das im Frühling zusammen tun“.
Mit tiefem Einverständnis und einem Gefühl von großem Respekt gaben wir uns die
Hände und verabschiedeten uns schweigend. - Er verstarb kurze Zeit danach.
Monate später, es war Frühling geworden, war ich draußen und ging durch den
Garten. Ich hatte lange nicht an Hr. L. gedacht. Jetzt erinnerte ich mich an ihn
und an dieses Gespräch und mir war, als gingen wir zusammen im Garten spazieren
Was ich lernte ist, dass Hoffnung kein linearer Prozess ist. Ebenso wenig wie
alle Abschnitte der Auseinandersetzung mit dem Tod in einer bestimmten
Reihenfolge ablaufen, sondern vielmehr in einer individuellen Dynamik durchlebt
werden, so hat auch die Hoffnung für jede und jeden eine eigene Dynamik.
Manchmal führt sie dazu, die Realität zu verdrängen; manchmal hilft sie, die
Realität auszuhalten; sie kann hinderlich sein und uns festhalten lassen, aber
ebenso kann sie helfen beim Loslassen. Manchmal ist sie eine Frage nach Wahrheit
und die Bitte um ein Gespräch, in der auch alle Hoffnungslosigkeit Raum haben
darf. Meine Erfahrung ist, dass sich das nicht immer an der Oberfläche erkennen
lässt, sondern dass es gilt, hinter und durch die formulierte Hoffnung zu
schauen und auch zu erspüren, worum es gehen könnte.
In diesem Teil beschreibe ich eine sehr grundlegende Sicht von Spiritualität,
die wir, wie
Dr. Daniela Tausch-Flammer es in einem ihrer Bücher ausdrückt „häufig schon
allein in der Unmittelbarkeit und Echtheit der Begegnung mit einem sterbenden
Menschen erleben“.
Sowie Spiritualität auch in unserem eigenen Leben nicht abgetrennt vom Rest des
Lebens stattfindet, sondern alle Bereiche durchdringt, so kann auch spirituelle
Begleitung in allen Bereichen stattfinden. Das heißt, egal, in welchem Kontext
wir einem Sterbenden begegnen, immer können wir auch eine spirituelle Komponente
einbeziehen, die sich vielleicht vor allem in unserer Haltung ausdrückt.
-Einen anderen Menschen zu unterstützen, die eigene Verbindung und die eigene
Quelle des
Vertrauens zu leben, zu erinnern und zu entdecken.
Jede und Jeder kennt für sich eine Möglichkeit der Zuflucht, etwas, was uns
Frieden in unserem Herzen schenkt. Diese Zuflucht, diese Quelle des Vertrauens
kann uns in Zeiten großer Veränderung, wenn alles zusammenbricht, Halt und
Geborgenheit vermitteln. Wenn wir einen Menschen begleiten, kann es hilfreich
sein, um seine individuelle Quelle des Vertrauens zu wissen und ihn oder sie an
diese Verbindung zu erinnern. Vielleicht ist diese Quelle eine bestimmte Musik,
vielleicht die Erinnerung an eine bestimmte Zeit des Lebens, vielleicht ist es
ein Foto oder ein Kunstwerk, das das Herz berührt. Vielleicht ist es ein Gebet
oder eine andere spirituelle Praxis. Vielleicht fühlt sich dieser Mensch einer
Religion zugehörig und wünscht die Begleitung durch eine Seelsorgerin oder einen
Seelsorger der christlichen Kirchen oder durch eine Vertreterin oder einen
Vertreter einer anderen Religion; oder wir erfahren, dass Spiritualität für ihn
oder sie einen anderen Rahmen hat. Vielleicht spürt ein Mensch seine Verbindung
am ehesten im Kontakt mit der Natur.
Frank Ostaseski, der Leiter eines Hospizes in San Fransisco, hat dies auf
einfache Weise in einem Seminar beschrieben. „Find a place of rest in the middle
of things – Finde einen Platz der Ruhe in der Mitte der Dinge“. Wenn wir helfen
können, diesen individuellen Ort der Ruhe zu finden, dann kann das dazu
beitragen, in all den Veränderungen, die das Sterben mit sich bringt, Frieden zu
finden.
Was wir brauchen, ist die oben beschriebene Offenheit und die Bereitschaft, uns
auf einen anderen Menschen einzulassen; ihm oder ihr zuzuhören, mit all unseren
Sinnen.
Spiritualität ist ein sehr sensibles Thema und meiner Erfahrung nach äußerst intim. Es ist nicht einfach, das miteinander zu teilen. Aber ich erlebe immer wieder, dass es wichtig ist, in diesem Bereich Unterstützung anzubieten: Vor kurzem begleitete ich im Nachtdienst Frau A., die einige Tage vorher im lebensHAUS eingezogen war. Es ging ihr sehr schlecht und sie hatte schon am Nachmittag sehr große Angst geäußert.
Als ich zu ihr kam, sprachen wir noch
einmal über die Angst und auch über das Sterben. Da ich wusste, dass sie sich
der katholischen Kirche zugehörig fühlte und durch die Seelsorgerin Sr. Imelda
begleitet wurde, fragte ich sie, ob es für sie hilfreich sei, zu beten. Als sie
das bejahte, fragte ich nach, ob sie es gerne allein tun wolle, da ich nicht
selten die Erfahrung mache, dass Menschen lieber für sich alleine beten. Fr. A.
aber sagte, dass sie es alleine gar nicht schaffen würde und dass sie das
Angebot gerne annehmen würde. So zündeten ihr Sohn und ich nach ihrem Wunsch
eine Kerze an und beteten gemeinsam mit ihr das Gebet, das sie ausgewählt hatte.
Im Laufe der Nacht wiederholten wir das, sooft sie es wollte.
Und manchmal wird spirituelle Begleitung sehr pragmatisch:
Ich erinnere mich an eine Bewohnerin, die sich, nachdem sie nicht mehr zum
Gottesdienst gehen konnte, wünschte, einen eigenen kleinen Altar im Zimmer zu
haben. Also machte sich ihre ehren-amtliche Begleiterin auf den Weg, ein
geeignetes Tischchen zu kaufen und eine Kollegin übernahm die Gestaltung nach
den Wünschen von Fr. K. Dann sorgten wir alle für die Pflege dieses heiligen
Ortes, auf dem z.B. immer eine Kerze brennen sollte. Für Fr. K. war dieser Altar
sehr wichtig.
Er wurde zum Mittelpunkt ihres Zimmers und ihrer Aufmerksamkeit. Hier konnte sie
Trost finden.
Einen Platz der Ruhe zu finden, erleben manche schon allein dadurch, im
lebensHaus anzukommen und einen Ort für sich gefunden zu haben, an dem sie sein
dürfen – so, wie sie sind. Das ist besonders berührend, weil es dafür spricht,
welch wunderbarer Ort hier aufgebaut wurde, wenn allein das Spüren dieses Raumes
einem Menschen das Herz öffnet und er oder sie sich angenommen fühlt.
In einer letzten Geschichte möchte ich auf etwas eingehen, was in beiden
beschriebenen Bereichen bereits angeklungen ist, bzw. in das beide beschriebenen
Bereiche einfließen. Immer geht es darum, den oder die Sterbende auf seinem oder
ihrem Weg zu begleiten und ebenso die Angehörigen. Wir begleiten sie durch den
Prozess des Sterbens mit all seinen einzelnen Schritten. Unter spiritueller
Begleitung verstehe ich auch, zu erkennen, wo in diesem Prozess sich jemand
bewegt und was gerade jetzt an diesem Punkt hilfreich sein könnte.
Herr W. hat eine lange Zeit im lebensHaus verbracht. Er lag im Wachkoma und für
seine Familie war die Situation sehr schwer auszuhalten. So schwer, dass sie nur
selten kamen und auch die Angebote zur Unterstützung unsererseits nicht annehmen
konnten. Nach 14 Monaten verschlechterte sich sein Zustand so, dass wir damit
rechneten, dass er bald sterben würde. Die Familie wurde informiert und kam am
darauf folgenden Tag, um ihn noch einmal zu besuchen und auch, um sich zu
verabschieden.
Dieses Abschiednehmen ist ein wichtiger Teil des Sterbeprozesses, sowohl vom Sterbenden als auch von Angehörigen aus betrachtet. Manchmal ist es genau der Schritt, der für die oder den Sterbenden noch fehlt, damit er oder sie loslassen kann. Ich wusste nicht, ob das in dieser Situation so war, aber ich hatte das Gefühl, das das bewusste Abschiednehmen Hr. W. hilfreich sein könnte. Ebenso wichtig kann es für die Angehörigen sein. Viele Menschen tun dies intuitiv und im Bewusstsein, dass jeder Abschied vielleicht der letzte ist, andere brauchen Begleitung und Unterstützung, um das zu erkennen.
Als die Familie von Herr W. kam, sprach ich sie an und erzählte ihnen von der
aktuellen Situation und den sich abzeichnenden Veränderungen, dann begleitete
ich sie ins Zimmer zu Hr. W. Dort standen wir eine Weile um sein Bett. Ich
ermutigte die Angehörigen in Kontakt mit ihm zu gehen, mit ihm zu sprechen, ihm
alles zu sagen, was ihnen wichtig erschien. Eigentlich wollte ich sie dann
allein lassen, aber ich hatte das Gefühl, dass ihnen als Gruppe der Zugang zu
dieser Ebene schwer fallen würde und dass insbesondere für Fr. W. ein eigener
Kontakt zu ihrem Mann wichtig sein würde. Ich fragte sie, ob sie allein mit
ihrem Mann sein wolle, und als sie das bejahte, bat ich ihre Kinder (17 und 20
Jahre), sowie den Vater von Hr. W., das Zimmer zu verlassen und Fr. W. die Zeit
zu geben, die sie brauchte. Fr. W. ermutigte ich darin, alles auszusprechen, was
für sie wichtig wäre; auch die Dinge, die vielleicht im Kontakt schwierig
geblieben waren, auch die Verletzungen, die sie vielleicht erlitten hatte oder
aber selbst zugefügt hatte; und, wenn es ihr möglich wäre und sie es wollte,
auch zu formulieren, dass sie ihn gehen lassen würde. Dann verließ ich das
Zimmer. Draußen wandte ich mich an die beiden Söhne und den Vater von Hr. W. und
sprach mit ihnen über das Abschiednehmen, über den Schmerz und die Verzweiflung,
den Vater/ den Sohn so leiden zu sehen. Einer der Söhne formulierte dann den
Wunsch, auch alleine mit seinem Vater sein zu wollen; und so ergab es sich, dass
alle Angehörigen sich einzeln diese Zeit mit Hr. W. nahmen, um ganz persönlich
Abschied zu nehmen. Ich selbst war erstaunt, wie selbstverständlich ihnen das
plötzlich fiel und wie wichtig es ihnen war.
In allem Leid und aller Schwere tauchte plötzlich auch etwas Erleichterung auf,
etwas war in Bewegung gekommen. Als alle ihren Abschied genommen hatten, schlug
ich vor, noch einmal gemeinsam ins Zimmer zu gehen und ein Gebet für Hr. W. zu
sprechen. Die Familie gehörte der Katholischen Kirche an und war in ihrer
Heimatgemeinde sehr aktiv, das hatte Fr. W. mir erzählt; und so beteten wir
abschließend gemeinsam das Vater unser für Hr. W.
Nachdem die Angehörigen gegangen waren, setzte ich mich eine Weile zu Hr. W. und
sprach noch einmal über das Erlebte und dass ich hoffte, dass es hilfreich für
ihn sein möge. Hr. W. verstarb in der folgenden Nacht im Beisein meines Kollegen.
Ich habe hier eine sehr persönliche Sicht spiritueller Begleitung aufgeschrieben,
ich habe viele Geschichten erzählt, von Menschen, die wir im Hospiz lebensHAUS
begleitet haben, von Menschen, die ihren ganz eigenen Weg mit Mut gegangen sind
und von denen ich in unterschiedlicher Weise gelernt habe. Im Schreiben habe ich
viel Inspiration erfahren. Möge dieser Text auch für alle, die ihn lesen,
Inspiration sein.
Carmen Dietrich
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